Digitalisierung in der Weiterbildungsbranche – kein Patentrezept, dafür einige Denkanstöße

Im Box-Coaching geht es auch um die Lösung von komplexen Herausforderungen.

Digitalisierung ist ein Schlagwort, das seit mehreren Wochen und Monaten in aller Munde ist; ein Begriff, der auch vor der Weiterbildungsbranche nicht Halt macht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir erst am Anfang stehen. Im Laufe der nächsten Jahre werden noch weitere Technologien entwickelt werden, die uns die Aneignung von Wissen spürbar erleichtern.

Ich bin sehr dankbar, dass ich gleich zu Anfang meiner Trainer-Karriere etwas sehr Wichtiges lernen durfte – auch wenn diese Erfahrung damals sehr schmerzhaft war und mein etwas zu optimistisches Weltbild in puncto Weiterbildung wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht hat.

In den letzten 6 Jahren habe ich sehr viele Schnell-Lese-Seminare gegeben. Die Teilnehmer haben gelernt, doppelt so schnell zu lesen wie bisher und haben eine Anleitung bekommen, wie sie zu Hause weiter trainieren können. Diese Kunst des Lesens spart Zeit, reduziert Stress und schont die Nerven. Ich war der Auffassung, dass an dieser Methodik jeder Arbeitnehmer Interesse haben muss.

Doch die Realität sah völlig anders. Bei einer Inhouse-Schulung einer Firma hatte mich ein älterer Herr zur Seite genommen und mir ganz offen gesagt, dass die meisten Seminarteilnehmer nur hier sind, weil sie gerne mal für zwei Tage dem Alltag entfliehen wollen. Puh, das hat gesessen!

Mein Selbstwertgefühl und mein Selbstverständnis als Trainer waren stark angekratzt. Aber ich hatte wieder was gelernt. Heute konzentriere ich mich in erster Linie auf Unternehmen und Menschen, die wirklich etwas lernen und verändern wollen. Dazu habe ich einen Eignungstest entwickelt, der mich bei das Auswahl unterstützt. Gerade in Zeiten stetig wachsender Digitalisierung halte ich den souveränen Umgang mit der Informationsflut für essentiell, um nicht unterzugehen – aber letztlich muss das jeder für sich entscheiden.

Lernen, wann und wo man will

In der digitalen Welt von heute ist es kein Problem mehr, an gewünschte Informationen zu kommen; kein Wunder bei den vielfältigen Möglichkeiten, die es heute gibt:

  • Webinare,
  • Online-Kurse,
  • Video-Tutorials,
  • youtube,
  • Blogs,
  • Apps
  • und andere Selbstlern-Programme.

Die Qualität spielt bei der Betrachtung hier keine Rolle, da jedes Medium durchaus seine Berechtigung hat.

Wir können uns das aus unserer Sicht beste Medium aussuchen und sogar selbst entscheiden, wann und wo wir lernen möchten.

Ist das nicht großartig?

Aber es gibt etwas, dass all diese Angebote trotzdem nicht leisten können: eine intensive, gedankliche Auseinandersetzung, also das Reflektieren, Nachvollziehen und Verstehen wollen. Deshalb halte ich es für so wichtig, einen sinnvollen und verantwortungsvollen sowie ethisch vertretbaren Umgang mit diesen Medien zu schulen. Auch das kann man über Boxen lernen, siehe Boxen formt den Charakter.

Erster Vorteil der Digitalisierung – so oft wiederholen wie man möchte

Die modernen Medien haben noch einen weiteren Vorteil. Sie lassen sich immer wieder abrufen und anwenden. Wie bekannt ist, lernen wir nicht nur auf verschiedene Arten (hören, lesen, schreiben, in Bildern), sondern auch in einem unterschiedlichen Tempo. Und das ist in der Regel gleich von mehreren Faktoren abhängig.

Der wohl wichtigste Faktor ist das Vorwissen. Je mehr ich zu einem Thema weiß, umso leichter kann ich Neues hinzulernen. Diesen Konsolidierungs- und Reifungsprozess können wir beeinflussen, in dem der zu lernende Stoff mit möglichst vielen Sinnen möglichst oft wiederholt wird.

In dieser Hinsicht sind Sie dank der Digitalisierung klar im Vorteil. Sie können den Stoff so oft wiederholen, wie Sie möchten – und das ohne schlechtes Gewissen oder Peinlichkeiten. Lernen Sie in Ihrem Tempo – aber tun Sie es!

Sonst wird es nicht funktionieren. An diesem Punkt sind unsere menschlichen Qualitäten wie Eigenverantwortung, Motivation und Selbstdisziplin gefragt – ohne die wir trotz Unterstützung der hoch digitalisierten Medien nicht ans Ziel kommen.

Seminare gibt es auch im Sportbereich. Hier werden Wissen und Können aus mehreren Jahren komprimiert in zwei Tagen zusammengefasst. Eine tolle Möglichkeit, sich zu einem Thema einen guten Überblick zu verschaffen oder sich den Einstieg in ein spezielles Themengebiet zu erleichtern. Soweit so gut!

Sichtbare Fortschritte werden Sie aber nur erzielen, wenn Sie regelmäßig trainieren – idealerweise mit einem Trainer.

Zweiter Vorteil der Digitalisierung – vielen Menschen das Wissen zur Verfügung stellen

Am heimischen PC weltweit an Vorlesungen von Universitäten teilzunehmen ist heute ganz selbstverständlich. Vielen Menschen wird gleichzeitig – unabhängig von deren Aufenthaltsort – Wissen vermittelt.

Und aufwändige Recherchen von damals sind heute mit ein paar Mausklicks erledigt. Das Wissen ist vorhanden. Wo wir gerade sind und wie spät es ist, spielt keine Rolle. Wir müssen das Wissen einfach nur abrufen! Ein PC oder Laptop mit Internetanschluss, sogar das Smartphone genügen. Diesen Riesenvorteil sollte wirklich jeder nutzen.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite stellen uns diese unzähligen Möglichkeiten vor ganz neue Herausforderungen.

  • Woher weiß ich, ob das wahr ist, was ich im Internet lese?
  • Wer recherchiert das nach?
  • Kann ich mich auf diese Informationen verlassen?

Viel zu oft nehmen wir das, was wir im Internet lesen, für „bare Münze“ ohne es zu hinterfragen.

Frei nach dem Motto: Was im Internet steht, stimmt! Dieses Verhalten führt zu einer (gefährlichen) Denkfaulheit. Wir nehmen dieses sogenannte Wissen unreflektiert auf, ohne uns zu fragen, ob das wirklich alles richtig ist. An diesem Punkt sollten wir wesentlich kritischer sein.

Trotz Digitalisierung – ein bisschen mehr Demut bitte

Das Überangebot an Wissen und die Möglichkeiten der Weitergabe veranlassen viele Trainer, Berater und Coaches dazu, lauter zu schreien als der Wettbewerb. Sie überbieten sich mit Superlativen, loben Preise aus und versprechen uns in Image-Videos das Blaue vom Himmel. Das kennen wir alles schon aus der TV-, Radio- und Printwerbung. Glauben Sie da auch alles, was Sie lesen, sehen oder hören? Wohl kaum!

Und warum lassen sich Trainer und Berater zu derartigen Übertreibungen hinreißen?

Vielleicht aus Angst. Vielleicht aber auch, weil ihr Geltungsbedürfnis das verlangt – oder weil heute gilt: Schneller, höher, weiter, besser?

Auf mich wirkt so etwas eher abschreckend als begeisternd – und ich beginne sofort zu recherchieren. So musste ich bereits feststellen, dass beispielsweise Internationalität ein Prädikat ist, das gerne und oftmals viel zu schnell vergeben wird. Und warum? Vielleicht deshalb, weil sich Coaches & Co. gerne damit schmücken und gleichzeitig bei den Menschen Vertrauen erwecken.

Super! Auf diesen Zug springe ich gerne auf. Ich gehe einfach auf Weltreise und halte bei jedem Landgang ich einen Vortrag. Schon bin ich ein „International Keynote Speaker“. Klingt toll! Oder ich schreibe in einer Amazon-Nische ein Buch und schon bin ich Bestseller-Autor. Auch nicht schlecht! Doch so einfach ist es im Endeffekt leider nicht. Ein bisschen mehr Demut auf beiden Seiten wäre deshalb sicherlich hilfreich.

Apropos Bücher: Für mich waren sie lange Zeit ein Quell der Inspiration.Doch ich lese längst kaum noch Bücher der klassischen Ratgeber-Literatur. Alter Wein in neuen Schläuchen ist das für mich, umgeben von viel „Weißfläche“ mit dem einzigen Ziel, 200 Buchseiten zu „füllen“. Damit kann ich nichts anfangen.

Gerne erinnere ich mich an das Jahr 2005 zurück, als ich über ein Buch auf das Thema „Persönlichkeitsentwicklung“ gestoßen bin. Dieses Buch hat mich tatsächlich auf den Weg gebracht. Doch erst der intensive Austausch mit einem Mentor und der Sport haben spürbare Veränderungen bei mir bewirkt.

Übrigens: Einen Motivationstrainer habe ich nicht gebraucht – und meinen angeblich existierenden inneren Schweinehund habe ich auch (bis heute) noch nicht kennengelernt. Selbstverständlich fällt auch mir das Training nicht immer leicht, aber nur zu zehn Prozent. 90 Prozent meines Leistungswillens erwächst aus der Motivation. Zunächst muss ich mir ein Ziel setzen, die Gründe kennen, die Rahmenbedingungen prüfen und Risiken abschätzen. Habe ich dann „JA“ zu diesem Ziel gesagt, ist das aus meiner Sicht Motivation genug!

Das Problem bestimmt die Strategie

against the stream - opposite concept - leader goldfish
Neben der Motivation braucht es zur Lösung eines Problems auch eine Strategie, um möglichst schnell und ohne große Verluste von A nach B zu kommen. Diese Denkweise funktioniert nicht nur im Job oder Sport, sondern lässt sich auch in der Weiterbildung anwenden.

Haben Sie das Problem ausgeleuchtet und sind tatsächlich zum Kern des Problems vorgedrungen, müssen Sie entscheiden, welches Medium Sie nutzen wollen. Wenn Sie sich mehr “Wissen” aneignen wollen, sollten Sie Webinare oder Ähnliches nutzen. Geht es hingegen ums „Können“, führt kein Weg an einem regelmäßigen Training beziehungsweise an der praktischen Anwendung von in der Theorie gelernten Methoden vorbei.

Fazit

Die Digitalisierung ist an sich nichts Schlechtes, unsere Art der Bewertung schon. Daran müssen wir arbeiten. Gelingt uns das, freue ich mich auf eine Zukunft, in der wir schon bald eine Renaissance altehrwürdiger Werte wie Respekt, Moral und Ethik erleben werden. Schöne Aussichten, wie ich finde.

Ihnen hat der Blog-Artikel gefallen?

Dann tragen Sie sich jetzt in den Newsletter von Christoph Teege ein. Sie bekommen dann per Mail jeden Blog-Artikel, Neuigkeiten und das E-Book “Selbstbehauptung und die Kunst, Ziele gesund zu erreichen”.

 

Bild: ©shutterstock.com
Bild: ©Romolo Tavani – Fotolia.com.jpg

Christoph Teege - Boxcoach

Meine Leidenschaft ist es, Menschen, Teams und Unternehmen durch Boxen zu stärken. Vorträge | Boxevents | Profil
4 Antworten
  1. Avatar
    Heiko Miedlich sagt:

    Guten Tag Herr Teege,

    ich habe Ihren Beitrag aufmerksam und mit großem Interesse gelesen, weil mich das Thema “LERNEN” auch sehr beschäftigt. Obwohl wir uns in vielen ganz sicher einig sind, gehen unsere Meinungen in zentralen Punkten doch auseinander.
    Ich fange mal mit einer Definition an. „Der Begriff Digitalisierung bezeichnet die Überführung analoger Größen in diskrete (abgestufte) Werte, zu dem Zweck, sie elektronisch zu speichern oder zu verarbeiten.“ Entliehen habe ich diese Wikipedia. Somit ist alles das, was in den Medien als „Digitalisierung“ z. Zt. glorifiziert wird nur die Beschreibung eines Werkzeuges. Eines sehr mächtigen zwar, aber eben nicht mehr als das.
    Für mich ist das folgende Zitat von Albert Einstein zum Thema „LERNEN“ zentral. „Lernen ist Erfahrung, alles andere ist nur Information.“
    Aus diesem Grund behaupte ich, dass intellektuelles Wissen nicht produktiv ist.
    Ihrem Fazit, es geht um die Ausbildung von „KÖNNEN“ folge ich vollständig, nur sehe ich einen anderen Weg als Sie. Studien belegen, dass die Aneignung von Wissen mit Hilfe elektronischer Medien (Google ist z. Zt. gern genommen, wenn es um das Nachlesen bestimmter Sachverhalte geht) weniger nachhaltig ist, als wenn man ein Buch für diesen Zweck nutzt. (nachzulesen/nachzusehen in Vorträgen von Prof. Dr. Manfred Spitzer) Und ich möchte niemals bei jemand in einem Auto mitfahren, der das Autofahren mit Hilfe elektronischer Medien gelernt hat. Es geht kein Weg an dem praktischen TUN vorbei!
    Und ich habe noch eine These: „Motivieren zerstört Motivation“. Nach meiner Ansicht gehören sämtliche extrinsischen Anreizsysteme abgeschafft. Wenn jemand nicht die Neugier in sich trägt, etwas zu lernen, bekommen wir, wie intensiv wir das auch immer fördern, maximal ein durchschnittliches Ergebnis. Es geht nach meiner Ansicht künftig darum, Stärken noch besser zu nutzen und ich sehe den Lehrer/Trainer/Dozenten… künftig in der Rolle eines Coaches.
    Dynamikrobuste Systeme brauchen Menschen, die mit ihren persönlichen Wertesystemen das Wertesystem der Firma, der Organisation, … stützen und weiterentwickeln. Erste Ansätze, wie dies in der Praxis gelingt, findet man bei dem Projekt „Schule im Aufbruch“ (http://schule-im-aufbruch.de/) Somit ist die Frage zu beantworten: „Warum soll xyz getan werden.“ Wenn die Antwort darauf, den Menschen in seiner Seele berührt, dann ist er/sie meines Erachtens mit Herz und Verstand dabei und lernt.
    In diesem Sinne, freue ich mich auf Ihre Antwort und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

    Antworten
    • Christoph Teege - Bildung trifft Boxen sagt:

      Hallo Herr Miedlich,

      Danke für Ihren Kommentar. Da sind einige sehr richtige Aspekte und Ansätze enthalten.

      Mir war nur wichtig, noch mal darauf hinzuweisen, dass Wissen nicht gleich Können ist. Es geht um die Verzahnung von Theorie und Praxis.

      Klar, die Rolle des Trainers ist elementar. Das wird noch viel zu wenig berücksichtigt.

      Es gibt also noch viel zu tun!

      Ihnen ein schönes Wochenende,

      LG
      Christoph Teege

      Antworten
      • Avatar
        Bernd Sankowsky sagt:

        Hallo Herr Tege, sie schreiben “Das wird noch viel zu wenig berücksichtigt”. Nach meiner Interpretation bedeutet das, die GF und Mitarbeiter oft nicht die Ziele von Fortbildungsmaßnahmen verstanden oder definiert haben und die Notwendigkeiten von Kompetenzprüfungen verkennen (ISO 9001).
        Ihr Fazit mit Verknüpfung von Digitalisierung -auch mit kritischer Reflektion- und “altehrwürdiger Werte wie Respekt, Moral und Ethik” halte ich ich für gewagt. Dieser Idealismus ist wünschenswert, gefällt mir. Bitte mehr davon!
        Sonnige Grüße aus Berlin von Bernd Sankowsky

        Antworten
        • Avatar
          Alex Löwe sagt:

          Respekt, Moral und Ethik schreiben wir uns auf die Fahnen!
          Wir bündeln unsere Stimmen und singen!
          Unser Fokus sucht das Leben!
          Unsere Herz spricht die Wahrheit!
          Meine Seele verwand der deinen!

          Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über Ihren Beitrag!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.