Im Abstiegskampf zeigt sich der Charakter

Der Abstiegskampf zeigt auch die Persönlichkeit: Manche Menschen geben auf, manche Menschen kämpfen!

Ich bin ein großer Sport-Fan und kann mich für fast jede Sportart begeistern, so auch für Fußball. Ich bin zwar kein Fan einer bestimmten Mannschaft und auch am normalen Ligabetrieb nicht sonderlich interessiert. Da finde ich Europa- und Weltmeisterschaften spannender. Doch ich muss zugeben: Der Abstiegskampf der Saison 2015/16 hat schon was.

Alle Mannschaften ab Mitte der zweiten Tabellenhälfte stecken tief drin im Kampf um den Klassenerhalt; da kann sich keine sicher sein, dieses wichtige Ziel am Ende tatsächlich zu erreichen. Auf den unteren Tabellenplätzen ist alles dicht an dicht, manchmal nur einen oder zwei Punkte vom nächsttieferen oder –höheren Rang entfernt. Und teilweise sind Clubs sogar punktgleich und das Torverhältnis entscheidet über den aktuellen Tabellenplatz.

Selbstverständlich blicke ich sportlich auf den Abstiegskampf, aber genauso interessant ist der Blick durch die psychologisch eingefärbte Brille. Ich frage mich, was die einzelnen Spieler denken, welche Strategien ihre Trainer entwickeln.

  • Wie geht jeder Einzelne, aber auch das Team mit dem immensen Druck um?
  • Und wer kann sich am besten unter Druck konzentrieren und in den verbleibenden Spielen immer wieder aufs Neue eine Top-Leistung abrufen?
  • Und selbstverständlich stellt sich auch für mich die Frage: Welche Vereine bleiben in der 1. Bundesliga und welche steigen ab?

Wenn Fußball und Boxen auch grundverschiedene Sportarten sind; ein Boxer beschäftigt sich genau mit den gleichen Gedanken und ist ähnlichen Situationen ausgesetzt, wenn er in den Ring steigt.

Abstiegskampf: Kämpfen ist nicht gleich Gewalt

Mit Kampf verbinden Menschen meist Gewalt, Schmerzen, Rücksichtslosigkeit. Doch Kampf hat auch viel Gutes: Der Kampf um die Freiheit, der Kampf um den Frieden oder um den Klassenerhalt. Um etwas zu kämpfen bedeutet außerdem, Hoffnung darauf zu haben, dass am Ende alles so wird, wie wir es uns vorgestellt oder gewünscht haben.

Leider haben Boxer nach wie vor unter einem enormen Negativ-Image zu leiden: Sie gelten als dumm, brutal und gewaltverherrlichend. Dabei handelt es sich meist nur übernommene Glaubenssätze und Vorurteile, die wir ungefiltert aus den Medien übernehmen. Manchmal handelt es sich auch Meme, die von Generation zu Generation weiter gegeben werden. Machen Sie die Probe aufs Exempel: Fragen Sie sich doch einmal selbst, was Sie über Menschen denken, die Sie zunächst abgelehnt haben. Meist sagt diese Art der Reflexion mehr über einen selbst aus, als über die betroffene Person.

Für Laien ist Boxen kein Sport, sondern etwas, bei dem sich Erwachsene wahllos prügeln. Wer sich mit diesem Sport allerdings intensiv beschäftigt wird feststellen, dass Boxen viel mehr ist, als sich zu prügeln. Es geht neben der körperlichen Fitness vor allem um Selbstvertrauen, Konzentration und den Umgang mit unvorhersehbaren Situationen.

Der Verlauf eines Boxkampfes ist nun einmal schwer vorauszusehen – genauso wenig wie der Ausgang eines Fußballspiels. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Ein Boxer steht seinem Gegner alleine gegenüber. Und er hat keine Möglichkeit, sich auswechseln zu lassen, wenn er einen schlechten Tag erwischt hat. Im Ring trägt der Boxer die volle Verantwortung für sein Handeln ganz allein. Er kann sich auch nicht hinter anderen Team-Kollegen verstecken. Egal, was kommt: Da muss er ganz alleine durch!

Im Abstiegskampf die eigenen Impulse steuern

Besondere Situationen wie diese schulen bestimme Verhaltensweisen und formen den Charakter. Durch das Boxen lernen Sie, Impulse besser zu steuern. So entwickeln Sie sich ganz automatisch zu einem souveränen Menschen, ohne sich ständig Affirmationen vorsprechen zu müssen wie beispielsweise: „Du bist super!“ oder „Du schaffst das.“

Auf Basis der eigenen Erfahrungen erwächst Selbstvertrauen, das – auf diese Art entwickelt – durch nichts erschüttert werden kann. Für Menschen im „normalen Milieu“ ist das, was beim Boxen passiert, eine Extremsituation.

Im Abstiegskampf dem Gegner in die Augen schauen

Im Berufsleben ist es genauso wie beim Boxen: Bevor Sie sich ins Projekt, also „in den Kampf“ stürzen, steht eine gründliche Analyse an. Es geht um nüchterne Zahlen, Daten und Fakten, also darum, die Situation genauestens unter die Lupe zu nehmen. Schauen Sie also Ihrem Gegner, Ihrer Herausforderung zunächst tief in die Augen.

Wurde die IST-Situation analysiert, ist auch eine Einschätzung dahingehend möglich, was im schlimmsten Fall alles passieren kann. Nicht falsch verstehen! Es geht hier nicht um Schwarzmalerei, sondern darum, auf vermeintlich unvorhersehbare Situationen vorbereitet zu sein!

Und noch etwas ist ganz wichtig: Lassen Sie Angst zu!

Geben Sie dem Gefühl ruhig nach, Angst vor einer Niederlage und kläglichem Scheitern zu haben. Mit der Angst ist es wie mit dem Boxen, sie wird meist mit negativen Gedanken oder Gefühlen in Verbindung gebracht. Dabei fördert Angst unseren Respekt vor der Aufgabe. Sie schärft unsere Sinne. Wir sind hellwach und bereit, auf negative Entwicklungen oder Einflüsse zu reagieren.

Ist die Analyse durchgeführt, bedeutet das in der Regel jede Menge Zahlenmaterial. Entscheidend ist, dass jedem Einzelnen eventuelle Auswirkungen möglicher Entscheidungen klarer geworden sind. Und zwar völlig unabhängig davon, wie (bescheiden) die Ausgangssituation auch ist. Klarheit gibt Orientierung, und die ist wichtig, um am Ende eine vom System für alle zufriedenstellende Entscheidung treffen zu können, wie etwa: Wir wollen das Ziel erreichen – oder auch nicht.

Aufgeben oder durchboxen?

Je nach System können oben angesprochene Auswirkungen unmittelbar voneinander abhängen. Es umfasst viele handelnde Akteure, auf die das Ergebnis Einfluss nehmen kann. Hierzu gehören zum Beispiel Sponsoren, Fans und die Region: Vergeigt ein Boxer einen wichtigen Kampf oder eine Fußballmannschaft den Klassenerhalt, kann das wütende Fans nach sich ziehen, Sponsoren steigen aus und die Region verliert an Anziehungskraft und Attraktivität.

Deshalb kann es beim Bestreben, ein Ziel zu erreichen, nicht nur um Informationen und reine Sachinhalte gehen. Die emotionale Seite, also Intuition und Emotion, ist von elementarer Bedeutung.

Menschen sind emotionale Wesen, die sich zugegebenermaßen gerne vormachen, rein rational zu handeln.

Das hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun. Intuitiv entscheiden wir immer emotional aus dem Bauch heraus. Erst danach wägen wir mit unserem Verstand die Argumente ab, um letztendlich pro oder contra zu entscheiden – für uns alleine oder im Sinne des Systems.

Gemeinsames Ziel vor individuellen Interessen

Das Ziel muss so formuliert werden, dass es Leidenschaft und Willen weckt, sich dafür einzusetzen. Häufig wird immer “gegen” etwas gekämpft; im Fußball gegen den Abstieg, in der Politik gegen den Krieg. Auf mich habe solche Äußerungen keine motivierende Wirkung; schon allein deshalb, weil das Ergebnis nicht motivierend ist.

Warum drücken wir Ziele nicht positiv aus? „Wir kämpfen für den Klassenerhalt.“ oder „Lasst uns für den Frieden kämpfen.“ Das klingt doch viel besser. Sprache hat eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf unseren Geist und infolgedessen auf unsere Motivation und sollte daher nicht vernachlässigt werden!

Alleine ist es schwer, ein Ziel erreichen.

Das gilt für das Boxen, jede andere Sportart und den normalen Alltag gleichermaßen. Wichtig ist, dass alle gemeinsam für das definierte Ziel kämpfen. Das erfordert jedoch von jedem Teamplayer, sich dem großen gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Unbestritten hat jeder Akteur eines Systems auch eigenen Gedanken und Sorgen, denkt beispielsweise über seine Karriere nach. Deshalb ist es ja so wichtig, jedes Teammitglied abzuholen – über das definierte Ziel, aber auch über persönliche Gespräche. Letztendlich muss es gelingen, das gemeinsame Ziel über Einzelinteressen zu stellen.

Damit das funktionieren kann, ist Reflexion eine der wichtigsten Aufgaben. Um beim Beispiel des Fußballers zu bleiben, muss sich jeder selbst hinterfragen:

  • Will ich überhaupt gewinnen?
  • Will ich meine Gesundheit, meine Karriere aufs Spiel setzen?
  • Spiele ich lieber die Saison möglichst verletzungsfrei zu Ende und wechsele dann den Verein? Oder
  • habe ich innerlich schon längst gekündigt und sehe mich nach anderen Vereinen um?

Leader und Führungskräfte sind gefordert, in solchen (Krisen-) Situationen Vorbild zu sein und mit gutem Beispiel voranzugehen, aktiv zu werden und motivierend auf die „Mannschaft“ einzuwirken. Nur so kann ist es möglich, andere im System anzuspornen und (zurück) ins Boot zu holen und Nachahmungsprozesse zu initiieren.

Und wenn es doch zum Abstieg kommt?

Manchmal hat das Leben etwas anderes mit uns vor als wir es gerne hätten. Und so steht dann am Ende des Weges eine Niederlage, ein verlorener Kampf oder der Abstieg. Wenn Sie wirklich alles gegeben haben, müssen Sie sich keine Vorwürfe machen. Schauen Sie guten Gewissens in den Spiegel und sagen Sie sich: ‚Ich hab alles in meiner Macht stehende getan, um das Ziel zu erreichen. Und trotzdem hat es nicht geklappt. Shit happens.‘

Sie werden sicherlich zu einem anderen Zeitpunkt erfahren, wozu diese Niederlage gut gewesen ist, denn nach wie vor gilt die Weisheit: “vorwärts leben, rückwärts verstehen.”

Ich wünsche allen Mannschaften im Abstiegskampf ganz viel Mut, Kraft und Selbstvertrauen.

 

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Bild im Artikel Abstiegskampf: ©privat

 

Christoph Teege - Boxcoach

Meine Leidenschaft ist es, Menschen, Teams und Unternehmen durch Boxen zu stärken. Vorträge | Boxevents | Profil
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